Du wachst auf und bist schon müde. Nicht ein bisschen. So müde, dass du um elf Uhr vormittags überlegst, ob du dich einfach wieder hinlegst. Und morgen. Und übermorgen.
Die Treppe ist ein Berg. Dir fehlt die Luft, als hätte jemand einen Gürtel um deine Brust gezogen. Deine Beine kribbeln abends, bis du schreien könntest. Deine Haare liegen im Abfluss, deine Nägel brechen, deine Mundwinkel reißen ein. Dir ist kalt. Immer.
Du stehst in der Küche und weißt nicht mehr, warum. Du fängst Sätze an und verlierst sie. Dein Kopf ist Watte, und hinter der Watte pocht es.
Deine Waden krampfen nachts. Dein Augenlid zuckt seit Wochen. Und innen drin vibrierst du, als stündest du unter Strom, obwohl nichts passiert.
Dann kommt die Angst. Ohne Grund. An der Kasse, im Auto, mitten im Gespräch. Dein Blutdruck schießt hoch, einfach so. Du schwitzt nachts das Bett nass. Und deine Blase macht, was sie will, und du schämst dich so sehr, dass du es niemandem erzählst.
Und dann, eines Nachts, liegst du auf der Seite, und dein Herz setzt aus.
Einen Schlag lang. Nur einen. Aber lang genug, dass du hochschreckst, die Hand auf der Brust, und denkst: Jetzt. Jetzt ist es so weit.
Es tut nicht weh. Es macht dir nur Todesangst. Nacht für Nacht.
Du gehst zum Arzt. Du machst alles, was man dir sagt. Herz: Extrasystolen, harmlos, unangenehm, damit müssen Sie leben. Schilddrüse: in Ordnung. Lunge: in Ordnung. Blutbild: in Ordnung, bis auf Kleinigkeiten. Nicht der Rede wert.
Alles in Ordnung. Nur du nicht.
Und irgendwann, ganz vorsichtig, fällt der Satz: Vielleicht sollten Sie mal mit jemandem reden.
Und du sitzt da und fragst dich, ob du verrückt wirst.
Du wirst nicht verrückt. Du bist nur noch nicht fertig mit Suchen.
Frag, was eigentlich gemessen wurde. Das Standardblutbild sieht vieles nicht: Ferritin, deinen Eisenspeicher. Vitamin B12. Vitamin D, als 25-OH-D. Magnesium. Und wenn du eine Frau Ende dreißig bist: Die Wechseljahre fragen nicht, ob du schon so weit bist.
„Etwas niedrig, aber noch im Normbereich" ist kein Befund. Es ist ein Achselzucken. Und hinter diesem Achselzucken verschwinden Jahre.
Ich hatte das. Fast alles davon.
Ich bin keinen Fahrstuhl mehr gefahren. Keine Autobahn mehr. Weil die Panik überall kommen konnte, und sie kam überall. Mein Blutdruck schoss hoch, ohne dass einer wusste warum. Ich bin barfuß umgeknickt, auf ebenem Boden, einfach so. Ich hatte Flimmern vor den Augen, diese Zacken und Lichter, die sonst vor einer Migräne kommen, nur dass keine Migräne kam. Meine Augen tränten. Meine Haut war fahl und unrein, meine Haare fielen aus.
Ich hab in den Spiegel geschaut und einen kranken Menschen gesehen. Und alle sagten: Alles in Ordnung.
Irgendwann hab ich aufgehört, auf den nächsten Termin zu hoffen. Das Vertrauen war weg. Also hab ich selbst gesucht. Nächtelang, in Foren, in Studien, bei Menschen, die dasselbe erlebt hatten wie ich. Und dann hab ich angefangen aufzufüllen. Auf eigene Faust, ohne Messung, nach dem, was ich gelesen hatte.
Als meine Speicher wieder voll waren, war es weg. Auch das Stolpern.
Welcher Stoff es war, weiß ich nicht. Aber es war weg.
Und jetzt sag ich dir ehrlich: Ich würde dir nicht raten, es genauso zu machen. Ich bin keine Ärztin. Ich hab mein Risiko getragen, und es ist gut gegangen. Das muss es bei dir nicht.
Drei Dinge, und die sind nicht verhandelbar.
- Lass dein Herz anschauen. Stolpern ist meistens harmlos. Meistens. Den Unterschied sieht nur ein EKG.
- Wenn du es sicherer willst: erst messen, dann auffüllen. Dann weißt du, wo du stehst, und schluckst nicht ins Blaue. Wer blind schluckt, tauscht einen Mangel gegen ein Zuviel, und auch das macht krank.
- Wenn du Antidepressiva nimmst: nie von heute auf morgen absetzen. Dein Kopf hat sich an sie gewöhnt, und er bestraft abrupte Entscheidungen hart. Rausschleichen, begleitet.